Afghanistan- ein sicheres Herkunftsland?

In der Veranstaltungsreihe „DonnersTalk – Kulturen der Welt“ hielt die in Köln lebende freie Journalistin afghanischer Herkunft, Shikiba Babori, einen sehr interessanten, von zahlreichen persönlichen Eindrücken bereicherten Vortrag im ICE in Pappritz. Ca. 50 Gäste waren der Einladung von „Willkommen im Hochland e.V.“ gefolgt. Sabine Kirst von unserem Kooperationspartner, der Landeszentrale für politische Bildung, fand herzliche Begrüßungsworte.

Afghanistan, wurde schon im 19.Jh. von Russland und England beansprucht. Deutschland genießt dort einen sehr guten Ruf nicht nur wegen der frühen Handelsbeziehungen aus dem 19.Jahrhundert. Sondern auch, weil Deutschland keine eigenen Interessen in Afghanistan vertrete. Die Afghanen empfänden uns als „Großen Bruder“, der wirklich helfen will, erklärte Frau Babori.

Das Land hat weniger als die Hälfte (30 Mio.) Einwohner auf einer doppelt so großen Fläche wie Deutschland. Die vorherrschende Religion ist der Islam mit einem Anteil von 84% Sunniten und 15 % Schiiten. Frau Babori betonte, dass dies zur Zeit kein großes Problem darstelle. Die Bevölkerung besteht zum Großteil aus Paschtunen (42%) und Tadschiken (27%), Hazara (meist Schiiten, 9%), Usbeken (9%) zahlreichen kleinen Gruppierungen wie Aimak 4%, Turkmenen 3% und anderen.

Im Land werden 49 Sprachen und 200 Dialekte gesprochen. Die Hauptsprachen sind Dari (Hochsprache, dem Persischen ähnlich, in entlegenen Landesteilen als Farsi gesprochen) und Pashtu.

Das Land war bis 1973 eine Monarchie und befindet sich seitdem in andauerndem Kriegszustand.

Die Talibanherrschaft wurde 2001 nach den islamistischen Attentaten in New York durch das Eingreifen der NATO vorerst beendet. Das Land befindet sich seitdem mit internationaler Finanzhilfe im Wiederaufbau und hat ein Präsidialsystem. Seit 2004 gibt es eine neue Verfassung – eine der modernsten der Welt, wie Frau Babori betonte. Es fehle jedoch an geordneten Strukturen, diese durchzusetzen. Infolge der 2004 herrschenden Aufbruchstimmung kehrten viele qualifizierte Afghanen in ihr Heimatland zurück.

Kabul ist heute auf 4 Mio. Einwohner angewachsen – 1979 lebten dort nur 500 000 Menschen.

Aber weshalb konnte das Land in den letzten 15 Jahren nicht zu seiner alten Blüte zurückfinden?

In den Provinzen beherrschen weiterhin Warlords und Neo-Taliban das öffentliche Leben. Faktisch üben Religionswächter eine Nebenregierung aus.

Täglich gibt es in Afghanistan Anschläge, über die in unseren Medien wenig berichtet wird.

Dabei geraten die dringend notwendigen sozialpolitischen Maßnahmen ins Hintertreffen.

Die Säuglingssterblichkeit ist bei einer hohen Geburtenrate (6,2 Kinder/Frau) sehr hoch aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung.

Ein großes Problem stellt das Analphabetentum dar mit einer Rate von 72% (57% Männer, 87% Frauen).

Die Arbeitslosigkeit beträgt 35%. Und über alle Lebensbereiche legt sich der Schatten der Korruption. Ob Arztbesuch oder die Einschulung eines Kindes – für alles muss man in Afghanistan extra bezahlen.

Bauern werden von Warlords teilweise zum Mohnanbau gezwungen, die Erträge dienen deren Unterhalt bzw. Bewaffnung und der weiteren Destabilisierung des Landes.

Hinzu kommen die ca. 1000 unabhängigen Hilfsorganisationen, die sie nach 2001 vor allem in Kabul und Umgebung niederliessen. Ihre Aktivitäten sind oft nicht untereinander koordiniert. Vor allem aber ziehen sie qualifiziertes Fachpersonal ab, das dringend an Schulen und Universitäten gebraucht würde. Aber ein Lehrer, der als Fahrer oder Übersetzer bei einer Hilfsorganisation siebenmal mehr verdienen kann, überlegt wohl nicht lange, ob er für einen Hungerlohn lieber die Analphabetenrate senkt.

Die Gesellschaft ist in den Jahrzehnten des Krieges verroht, so dass Gewalt, Kindesmissbrauch- und Kindesentführungen an der Tagesordnung sind.

Schon jetzt gibt es 1,2 Mio Binnenflüchtlinge im Land, überwiegend Kinder. Bis Ende 2015 werden 2 Mio. prognostiziert durch das Zurückschicken von Flüchtlingen aus Pakistan und Iran.

Aufgrund fehlenden Zukunftsglaubens und aus Angst vor Attentaten verlassen viele der zum Großteil jungen Menschen ( 80% der Bevölkerung ist > 20 Jahre alt) unter Lebensgefahr ihr Land und suchen im Ausland Zuflucht.

Afghanistan ist k e i n sicheres Herkunftsland!

11 Afghanen haben im Flüchtlingsheim in Pappritz eine vorübergehende Heimat gefunden. Der Duft des von den Flüchtlingen selbstgekochten, sehr schmackhaften Essens lag schon vom Beginn der Veranstaltung an in der Luft. Nach einer ausgiebigen Diskussion wurde der Abend bei gemeinsamem Essen und Gesprächen mit den Flüchtlingen beendet.

Caroline Ruhland

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